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S-27 Kindesmisshandlung und elterliche Überforderung reduzieren: Ausbau und Finanzierung von „Schreiambulanzen“ fördern; zur Weiterleitung an: Juso-Bundeskongress, SPD-Landesparteitag, SPD-Bundesparteitag

AntragstellerInnen: Tübingen

Kindesmisshandlung und elterliche Überforderung reduzieren: Ausbau und Finanzierung von „Schreiambulanzen“ fördern; zur Weiterleitung an: Juso-Bundeskongress, SPD-Landesparteitag, SPD-Bundesparteitag

Leider sind viele sogenannte Schreiambulanzen, also qualifizierte Institutionen u.a. zur Prävention des Shaken Baby Syndrome/SBS (noch immer eine vergleichsweise häufige Todesursache bei Säuglingen und Kleinkindern) nach wie vor oft kostenpflichtig oder nur zu bestimmten Zeiten verfügbar. In ländlicheren Gegenden oder einigen weiteren Bereichen Deutschlands sind sie noch fast überhaupt nicht vorhanden oder nicht bekannt.

Die Sicherheit von Säuglingen und Kleinkindern darf weder von ihrem Schreiverhalten, noch von den finanziellen Möglichkeiten der Eltern, noch von ihrem Wohnort abhängen.

Daher fordern wir:

  1. Die finanzielle Förderung von bestehenden Schreiambulanzen, um diese im Idealfall kostenfrei oder zumindest kostengünstiger gegen ein geringeres Endgeld zur Verfügung zu stellen
  2. Den Ausbau des Angebotes an Schreiambulanzen, um dem strukturellen Nachteil von Kindern in ländlicher Gegenden entgegenzuwirken.
  3. Es wird nicht unbedingt eine neue Institution benötigt, vorhandene Infrastruktur kann genutzt werden: Es soll geprüft werden, ob ein gesteigertes Angebot an Schreiambulanzen an lokalen Kliniken, Familienzentren, kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtungen, Kinderarztpraxen, Tageskliniken, Nachbarschafts- und Selbsthilfezentren, Kinderschutzstellen, Hebammenpraxen, Pro Familia oder weiteren geeigneten Institutionen angeboten werden kann.
  4. Eltern und werdende Eltern sollen über das Angebot vorurteilsfrei (Beispielsweise in Form einer Informationskampagne oder Flyern in Arztpraxen oder staatlichen Institutionen) informiert werden.
Begründung:

Das Schütteltrauma („Shaken Baby Syndrome“) ist nach wie vor eine der häufigeren Todesursachen von Säuglingen und Kleinkindern in Deutschland. Unter Vorbehalt einer vermutlich enorm hohen Dunkelziffer gehen unabhängige Schätzungen aktuell von 200 gesicherten Fällen pro Jahr aus, Letalität oder lebenslange Schädigung sind sehr hoch.

Das Schütteltrauma wird ausgelöst durch plötzliche, heftige Scherbewegungen, welche durch ein abruptes vor- und zurückbewegen des Kindes hervorgerufen wird. Die mangelhafte Stabilität und das ungleichmäßige Verhältnis von Kopf zu Körper eines kleinen Kindes bewirkt, dass diese nicht ausgeglichen werden können. So kommt es zu schwerwiegenden Verletzungen des Gehirns, umliegender Strukturen, zu Blutungen und auch oft zum Tod.

Es ist bereits seit langem bekannt, dass es sich entgegen der breiten Meinung der Bevölkerung bei dem Schütteltrauma nicht um das Problem einer bestimmten Gesellschaftsschicht handelt. Das Klischee „Nur schlechte Eltern schütteln ihre Kinder“ hält sich. MedizinerInnen, JuristInnen, LehrerInnen und PolizistInnen sind ebenso häufig betroffen wie andere Berufsgruppen, einkommensunabhängig und unabhängig der Lebensumstände.

Dass es sich bei dem Schütteln eines Säuglings zumeist um eine Übersprungshandlung handelt, wird nach wie vor nicht ausreichend in die Diskussion mit einbezogen und die Thematik somit weitestgehend verdrängt. Es handelt sich hierbei häufig nicht um eine bewusste Entscheidung, sondern ist das Resultat einer Überforderung mit der aktuellen Situation. Das stärkste Risiko, ein Schütteltrauma zu erleiden, haben sogenannte „Schreikinder“. Dabei handelt es sich um Kinder, welche extrem viel weinen (lange Schreiphasen am Stück, viele Stunden am Tag, über einen längeren Abschnitt ihres Lebensbeginnes), kaum zu beruhigen sind und starke Schlafstörungen haben.

Diese Situation stellt für Eltern eine große Herausforderung dar, da Schlafentzug und ein subjektives Gefühl des Versagens den Druck immer weiter ansteigen lassen. Welche enormen Auswirkungen vor allem Schlafentzug auf unser Handeln und unsere Impulskontrolle hat, ist allgemein bekannt, und ein umfangreicher Schlafentzug über mehrere Monate ist hier keine Ausnahme. Es versteht sich von selbst, dass sich die Situation von Eltern mit Schreikindern nicht leichter wird, wenn sie berufstätig und/oder alleinerziehend sind, da in diesem Fall Schlaf meist nicht nachgeholt werden kann. Das Schütteln dauert meist nicht einmal eine Sekunde, der Schaden steht jedoch in keinem Vergleich zu der Kürze des Schüttelns: Er ist in der Regel enorm.

Diese Erklärung dient nicht der Bagatellisierung sondern der Prävention von Kindesmisshandlung. Es gibt seit den 90er Jahren Institutionen, welche sich „Schreiambulanzen“ nennen. Diese können signifikante Erfolge in der Reduktion des Risikos, Opfer eines Schütteltraumas zu werden, erzielen. Dort können Eltern im Falle einer Überforderung eine professionelle Beratung erhalten, den Umgang mit der Situation erlernen, durch die Aneignung von Skills die Situation verbessern und gegebenenfalls sogar Betreuungsunterstützung zum Zwecke des kurzfristigen Ausgleichs ihres Schlafdefizits in Anspruch nehmen.

Diese Maßnahme rettet Leben. Das Vorurteil, dass übermüdete Eltern am Rande der Überforderung automatisch schlechte Eltern sind, oder nur schlechte Eltern aus einem niedrigeren sozialen Stand das Potential besitzen, ihre Kinder zu schütteln, ist gefährlich und hält Eltern davon ab, sich Hilfe zu holen.

 

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